Mit 24 lebte ich die Nacht, als würde sie mir gehören.
Clubs, Partys, Lichter, laute Musik, Gelächter, VIP-Tische... das war mein Alltag. Ausgehen war nicht nur ein Vergnügen, es war ein Teil von mir. Ich fühlte mich frei, selbstbewusst, unbesiegbar.
Im Dezember 2018 fuhr ich nach Portugal für die Weihnachtsferien. Auch weit von zu Hause änderte sich eines nicht: der Wunsch auszugehen, zu leben, zu genießen. Wie in der Schweiz wollte ich einfach nur einen schönen Abend haben.
Ich fand einen Club in Lissabon auf Instagram. Ich rief an. Eine Frau, Jessica, bestätigte mir einen VIP-Tisch für sechs Personen. Alles war klar. Alles war bereit. Ich war beruhigt.
Der Abend kommt.
Ich erscheine am VIP-Eingang. Ich lächle. Ich grüße die Security. Ich nenne meinen Namen, überzeugt, dass es nur eine Formalität ist.
„Ihr Name steht nicht auf der Liste."
Ich verstehe nicht. Ich bitte sie ruhig, Jessica anzurufen. Sie weigern sich. Ich wiederhole. Nochmal. Beharrlicher, weil ich weiß, dass ich recht habe. Und plötzlich ändert sich der Ton. Die Blicke werden kalt. Die Atmosphäre wird angespannt.
Dann kippt alles.
Worte werden zu Schreien. Schreie werden zu Schlägen. Ich falle. Ich versuche mich zu schützen. Sie sind mehrere. Zu viele. Und dann... nichts mehr.
Schwarz.
Ich wache zwei Tage später in einem Krankenhausbett auf. Allein. Desorientiert. Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich weiß nicht, was mit mir passiert ist. Mein Kopf tut weh. Mein Gesicht brennt. Mein Auge sieht kaum noch.
Meine Familie weiß nichts. Niemand weiß, dass ich hier bin.
Eine Woche vergeht, bevor das Krankenhaus meine Angehörigen und meine Versicherung kontaktieren kann. Ein Flugzeug wird organisiert, um mich nach Hause zu bringen. Ich verlasse Portugal, ohne wirklich zu verstehen, was ich hinter mir lasse... oder was mich erwartet.
Im CHUV schauen mich die Ärzte ernst an. Sie sagen mir, dass die linke Seite meines Gesichts gebrochen ist. Dass ich eine Netzhautablösung erlitten habe. Und dass ich höchstwahrscheinlich die Sehkraft meines linken Auges verlieren werde.
In diesem Moment erlischt nicht nur mein Auge. Es ist mein früheres Leben.
Monate werden zu Jahren. Vier Jahre Behandlung. Vier Jahre zu Hause eingesperrt. Vier Jahre, in denen ich in den Spiegel schaue und mich frage: „Warum ich?"
Warum ein einfacher Abend. Warum eine Reservierung. Warum solch gewaltsame Ungerechtigkeit.
Ich falle in eine Depression. Die Nacht, die ich so sehr liebte, wird zu einer schmerzhaften Erinnerung. Was mich früher zum Leben erweckte, macht mir jetzt Angst.
Und dann, eines Tages, mitten in diesem Chaos, erscheint ein Gedanke.
Was wäre, wenn dieser Schmerz einem Zweck dienen könnte? Was wäre, wenn das, was ich erlebt habe, jemand anderen davor bewahren könnte, dasselbe zu erleben?
Ich verstehe, dass ich diese Nacht niemals auslöschen kann. Aber ich kann ihr einen Sinn geben.
Ich rufe meinen Freund Jonathan an. Ich erzähle ihm alles. Die Angst. Die Wut. Die Ungerechtigkeit. Und vor allem... die Idee.
Jonathan ist Softwareingenieur. Wo ich das Problem erlebt hatte, hatte er die Fähigkeiten, die Lösung zu entwickeln. Sehr schnell verstanden wir, dass diese Idee zu etwas Konkretem, Nützlichem, Mächtigem werden konnte.
Gemeinsam haben wir jede Funktion erdacht, entworfen und entwickelt.
Jedes Detail entstand aus einem echten Bedürfnis. Jede Option wurde entwickelt, um Missverständnisse zu vermeiden, Reservierungen zu sichern, Kunden zu schützen und die Arbeit der Clubs zu erleichtern.
So wurde NOCHE APP
Heute ist meine Geschichte nicht mehr nur eine Tragödie. Es ist eine Mission. Ein Kampf. Ein Versprechen.
Dass keine Nacht jemals wieder ein Leben zerstören soll.